„Londoner Nebel“ sorgt für schlechte Luftqualität
Radeburg, 09.02.2026 – Nabil Deabji/ Hartmut Herrmann/ Jens Vogtländer/ Tilo Arnhold
Außergewöhnlich hohe Feinstaubwerte haben auch TROPOS-Forscher im ländlichen Sachsen in den letzten Tagen registriert.
In Radeburg bei Dresden lief in den letzten zwei Wochen eine Intensivmesskampagne. Die Forschenden vom TROPOS untersuchen dort zwei Jahre lang im Auftrag des Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) den Einfluss von Holzheizungen auf die Luftqualität. Die in der letzten Woche in Radeburg gemessenen Werte sind bemerkenswert hoch und übersteigen die Feinstaub-Werte, die in den vergangenen Monaten an diesem Standort beobachtet wurden:
Die PM10-Konzentrationen erreichten bis zu 80 µg/m3 (Mikrogramm pro Kubikmeter), während der Rußgehalt 6 µg/m3 überschritt. Gleichzeitig zeigt der Aerosol Chemical Speciation Monitor (ACSM), ein Spezial-Massenspektrometer, organische Spitzenwerte bei PM1 über 30 µg/m3 – „Das stimmt weitgehend mit den Emissionen aus Holzheizungen in Wohngebäuden überein“. „Dies sind für deutsche Verhältnisse ungewöhnlich hohe Schadstoffkonzentrationen, die mit schwerem Wintersmog in stark verschmutzten Regionen weltweit vergleichbar sind, wo beispielsweise Werte von 100 µg/m3 keine Seltenheit sind. Wir sehen das auch schon allein an den Filtern, die dunkel-braun statt wie sonst hell-grau verfärbt sind“, berichtet Dr. Nabil Deabji, der die Messungen in Radeburg seit Beginn betreut. „Wir waren besonders überrascht, dass trotz hoher relativer Luftfeuchtigkeit und sogar Niederschlägen so hohe Konzentrationen auftraten, da Niederschläge normalerweise Feinstaub aus der Luft entfernen. Darüber hinaus trug wahrscheinlich eine anhaltende atmosphärische Stagnation mit sehr begrenzter vertikaler Luftvermischung zu erhöhten Schadstoffkonzentrationen in Bodennähe bei. Diese Situation wurde durch den in den letzten Tagen praktisch fehlenden Wind, der die Ausbreitung stark einschränkte, noch verstärkt.“
Besonders drastisch war die Situation am Donnerstag (5.2.26): „Während wir sonst deutliche Spitzen am Morgen und Abend sowie einen Rückgang dazwischen sehen konnten, blieb an diesem Tag die Konzentration dauerhaft hoch und ging bei unseren mobilen PM2.5-Messungen kaum unter 100 Mikrogramm pro Kubikmeter. Das ist das Vierfache des Tagesgrenzwertes. Auch die Rußkonzentrationen waren mit 2,5 bis 5 Mikrogramm pro Kubikmeter im ganzen Untersuchungsgebiet den ganzen Tag sehr hoch. Das spricht dafür, dass der Nebel die Schadstoffe aus Heizungen und Verkehr aufgenommen und über dem Ort gehalten hat“, erklärt Dr. Jens Vogtländer vom TROPOS, der mit einem Messrucksack auf einer festen Route durch Radeburg gegangen ist, um die Punktmessungen der Station am Markt durch mobile Messungen ringsherum zu ergänzen. „Am Ende war ich für die mobilen Messungen insgesamt an 12 Tagen in Radeburg (jeweils 6 Messtage im Februar 2025 und 2026), bin in dieser Zeit immer wieder dieselbe Runde von 7,5km rund 50mal gelaufen und war dafür rund 100 Stunden zu Fuß auf den Straßen Radeburgs unterwegs.“ Das ergibt eine Strecke von über 375 km – also insgesamt 9 Marathons oder an jedem der Einsatztage jeweils eineinhalb Halbmarathons, bei denen Vogtländer Radeburg kennenlernen konnte und auch mit den Radeburgerinnen und Radeburgern ins Gespräch kam.
Neben den Online-Messungen mit dem mobilen Rucksack und diversen stationären Hightech-Geräten hat das Team auch an drei Orten Filterproben gesammelt, deren chemische Zusammensetzung jetzt aufwendig analysiert werden wird. Über die Ergebnisse des Projektes wollen LfULG und TROPOS die Anwohnerinnen und Anwohner im nächsten Winter auf einer öffentlichen Veranstaltung im Rathaus informieren, nachdem die umfangreichen Daten wissenschaftlich ausgewertet sind.
Am Freitag hatte bereits das Sächsische Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) gemeldet, dass die Tagesgrenzwerte von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft in fünf sächsischen Städten (Bautzen, Dresden, Görlitz, Leipzig und Niesky) überschritten worden sind. Am höchsten war dabei die PM10-Konzentration in Leipzig-Mitte mit 93 Mikrogramm pro Kubikmeter. ( https://social.sachsen.de/@lfulg/116018223876103382 > https://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/infosysteme/luftonline/Bulletin.aspx?tag=06&mon=02&jhr=2026 ) Seit 2005 darf dieser Tagesgrenzwert an höchstens 35 Tagen im Kalenderjahr überschritten werden. Ab 2030 soll dieser Tagesgrenzwert auf 45 Mikrogramm pro Kubikmeter sinken und an höchstens 18 Tagen im Kalenderjahr überschritten werden. (https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=OJ:L_202402881#anx_I )
Anlässlich des Status-Kolloquiums Luft & Klima hatte das LfULG im Oktober darauf hingewiesen, dass zwar derzeit noch alle gültigen Grenzwerte eingehalten werden, aber die Witterung des ersten Halbjahres 2025 dafür sorgte, dass die Luftqualität in Sachsen im Vergleich zu den Vorjahren 2023 und 2024 deutlich abnahm: „Insbesondere die Feinstaubkonzentrationen PM10 und PM2.5 waren an allen sächsischen Luftmessstationen deutlich höher als im vergleichbaren Zeitraum der beiden Vorjahre. Das ist vor allem auf die sogenannten luftaustauscharmen Inversionswetterlagen im Februar und März zurückzuführen. … Wäre das Jahr 2026 von den meteorologischen Bedingungen her vergleichbar mit 2025, müssten für eine Reihe von sächsischen Städten und Landkreisen Luftreinhaltefahrpläne aufgestellt werden.“ ( https://medienservice.sachsen.de/medien/news/1090988 )
„Die hohen Feinstaub-Werte der letzten Tage zeigen, dass wir den Idealzustand immer noch nicht (und vielleicht auch lange noch nicht) erreicht haben. Auch wenn durch die Maßnahmen in den letzten Jahren viel erreicht wurde, gibt es immer noch viel zu tun, denn saubere Luft ist genauso wie sauberes Wasser essentiell für unsere Gesundheit“, betont Prof. Hartmut Herrmann vom TROPOS, der das Projekt in Radeburg koordiniert und seit den 1990er Jahren die TROPOS-Messtation in Melpitz bei Torgau leitet.