Geplante Schließung des US-Klimaforschungsinstituts NCAR
Statements deutscher Atmosphärenforschender via Science Media Center (SMC)
Die US-Regierung unter Präsident Donald Trump hat angekündigt, eines der weltweit wichtigsten Klimaforschungszentren zu schließen – das National Center for Atmospheric Research (NCAR) in Boulder, Colorado. Das NCAR ist ein Forschungsinstitut, an dem die Atmosphärenforschung im Mittelpunkt steht. Es wurde 1960 gegründet und beschäftigt hunderte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Diese erforschen alle Aspekte der Atmosphäre, von der Mikrophysik der Wolkenbildung und der Chemie der Luftverschmutzung bis hin zu großräumigen planetarischen Wellen und den Auswirkungen erhöhter Treibhausgasemissionen auf das Klima. Zudem werden dort Supercomputer genutzt, die einen wichtigen Beitrag für die Modellierung des Klimawandels beisteuern. Das Institut wird bisher hauptsächlich aus US-Bundesmitteln finanziert.
Das Science Media Center (SMC) hat eine Reihe von Fachleuten mit Expertise in der Atmosphärenforschung gebeten, die Ankündigung der Trump-Regierung einzuordnen: Welche Rolle spielte das NCAR bisher, welche Folgen hätte eine Schließung des Instituts und welche Folgen für die Klimaforschung zeigen sich nach elf Monaten der zweiten Amtszeit von Donald Trump?
Vom Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) haben sich zwei Experten und eine Expertin aus der jeweiligen Perspektive ihrer Fachrichtung geäußert:
Prof. Dr. Andreas Macke
Direktor des TROPOS und Leiter der Abteilung Fernerkundung atmosphärischer Prozesse, Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS), Leipzig, und Professor für Physik der Atmosphäre an der Universität Leipzig
„Dass mit NCAR eine der weltweit bekanntesten und erfolgreichsten Atmosphärenforschungseinrichtungen geschlossen werden soll, ist ein großer Schock für die exzellenten Forschenden am NCAR und die internationale Atmosphärenforschung. Man muss sich wundern, dass ein Land wie die USA, das so stark von natürlichen und durch den Klimawandel verstärkten Extremereignissen betroffen ist, sich dieser Grundlagenforschung entzieht.“
Folgen einer möglichen Schließung
„Mit NCAR verliert auch die international vernetzte Kampagnenarbeit zur Erforschung kritischer Bereiche wie den Polarregionen einen wichtigen Partner. Europa ist nun aufgefordert, Führung zu zeigen und die nationalen Partner-Institutionen der Atmosphärenforschung stärker zu fördern.“
Prof. Dr. Hartmut Herrmann
Leiter der Abteilung Chemie der Atmosphäre, Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS), Leipzig, und Professor für Atmosphärische Chemie an der Universität Leipzig
„Die Beschreibung im Artikel von Nature als ‚global mothership of atmospheric research’ trifft die Rolle des NCAR sehr gut. Das NCAR ist eine nationale Initiative in den USA mit großer weltweiter Ausstrahlung. Für den Bereich der Atmosphärenforschung und auch der Verbindung zur Klimaforschung war und ist das NCAR zentral. Viele wichtige Personen in der Geschichte der Atmosphärenchemie in Deutschland haben sehr starke Verbindungen zum NCAR, man denke hier nur an Dieter Ehhalt (vormals FZ Jülich) oder Guy Brasseur (DKRZ, MPI für Meteorologie in Hamburg). NCAR ist mit seinen Abteilungen in allen wichtigen Bereichen der Atmosphärenforschung, den Feldmessungen, den Laboruntersuchungen und der Modellierung auf allen Skalen eine wissenschaftlich wichtige und oft führende Einrichtung. Damit ist es für alle, die in den genannten Bereichen arbeiten, naturgemäß ein wichtiger Kooperationspartner. Eine Schließung müsste durch eine Steigerung der Aktivitäten an anderen Orten kompensiert werden und es wäre wohl strategisch angeraten, dass Europa sich hier engagiert.“
Auswirkungen nach elf Monaten Trump-Regierung
„Schon jetzt sind viele kooperierende Partner in den USA – wie die Universitäten Harvard und Columbia oder die National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) – von den Maßnahmen betroffen und dadurch in Ihrer wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit eingeschränkt. Im Bereich der Atmosphärenchemie führt dies zu einer Eingrenzung der Forschungskooperationen, die nicht ohne weiteres kompensiert werden kann. Auch in einigen europäischen Ländern könnten sich solche Tendenzen verstärken und letztlich die Atmosphären- und Klimaforschung schwächen, obwohl sie gerade jetzt dringend benötigt wird. Dies erkennt man an den aktuell bearbeiteten Themenkomplexen wie Waldbrände als Quelle von Luftverschmutzung, Mikroplastik und PFAS in Aerosolpartikeln, Holzverbrennung in der Wohnungsheizung als wichtige Luftverschmutzung und an den zu kleinen Fortschritten im Klimaschutz bis hin zur absehbaren Nichteinhaltung des Pariser Abkommens.“
Prof. Dr. Ina Tegen
Leiterin der Abteilung Modellierung atmosphärischer Prozesse, Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS), Leipzig, und Professorin für Modellierung atmosphärischer Prozesse, Universität Leipzig
„NCAR entwickelt und betreibt seit Jahrzehnten führende Klima- und Wettermodelle, die bewusst als offene Gemeinschaftsmodelle aufgebaut wurden und weltweit genutzt werden, auch in Deutschland. Als Vorreiter und unverzichtbarer Pfeiler internationaler Klimaforschung trägt NCAR maßgeblich zur wissenschaftlichen Debatte bei. Die Modelle und wissenschaftlichen Beiträge des NCAR erhöhen die Robustheit, Vergleichbarkeit und Glaubwürdigkeit von Klimaprojektionen – auch für Deutschland und Europa.“
Weitere Statements von Atmosphärenforschenden von AWI, ETHZ, DLR, MPI-M und KIT finden Sie auf den Seiten des Science Media Center (SMC): https://sciencemediacenter.de/angebote/trump-regierung-will-wichtiges-klimaforschungsinstitut-ncar-schliessen-25238