Zucker aus dem salzigen Ozean können bis weit in die Atmosphäre aufsteigen und spielen eine wichtige Rolle für das Klima der Arktis

Leipzig, 14.08.2026

Ballon-Messungen auf Spitzbergen füllen wichtige Lücke zwischen Boden und hohen Luftschichten

 

Ny-Ålesund/Leipzig. Salz und Zucker aus dem Meer können bis in die freie Troposphäre aufsteigen und damit sowohl die Wolkenbildung als auch das Klima in der Arktis beeinflussen. Das geht aus Ballon-Messungen hervor, die ein Team von Forschenden im Herbst 2021 und Frühjahr 2022 auf Spitzbergen durchgeführt hat. Mit einer zunehmend eisfreien Arktis könnten immer mehr dieser Wolkenzutaten aus dem Meerwasser in die Atmosphäre gelangen und das Strahlungsbudget beeinflussen. Die neuen Erkenntnisse tragen daher zu einem verbesserten Verständnis der komplexen Wechselwirkungen bei, die zu einer überdurchschnittlichen Erwärmung der Arktis führen, schreiben die Forschenden im Fachjournal „Atmospheric Chemistry and Physic“ (ACP), einem Open-Access-Journal der European Geosciences Union (EGU). 
An der Studie unter Leitung des Leibniz-Instituts für Troposphärenforschung (TROPOS) waren auch Forschende der Universität Köln, des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI), des Max-Planck-Instituts für Marine Mikrobiologie, der Universität Oldenburg und der Universität Bremen beteiligt. Sie ist Teil des Transregios 172 der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der seit 2016 unter Leitung der Universität Leipzig die Klimaveränderungen in der Arktis untersucht.

 

Die zentrale Arktis ist ein Ozean, der im Winter mit Meereis bedeckt ist und im Sommer mit immer mehr offenen Wasserflächen. Entsprechend spielen Partikel aus Meeresgischt-Aerosol (SSA) eine Schlüsselrolle für das Klima hier, weil sie eine wichtige Quelle für die Wolkenbildung in dieser Region sind. Mit der zunehmenden Erwärmung und dem zurückgehenden Meereis wird die Bedeutung dieser Partikel aus dem Meer noch weiter steigen. Diese Partikel gelangen durch brechende Wellen und platzenden Luftblasen aus dem Meerwasser in die Luft darüber. Unter bestimmten meteorologischen Bedingungen können diese Partikel weiter in der Atmosphäre aufsteigen. Sie bestehen aus anorganischen Meersalz-Ionen wie Natrium und Chlorid zusammen mit organischem Material, das aus dem Oberflächenfilm und dem darunter liegenden Meerwasser stammt. Zum organischen Material gehören auch marine Kohlenhydrate. Die meisten dieser zuckerartigen Verbindungen sind komplexe, stark verzweigte Polysaccharide, die von Algen und Bakterien gebildet und freigesetzt werden. 2025 lieferte eine TROPOS-Studie mit Labor- und Felddaten Hinweise darauf, dass die Eiskeimbildungsaktivität von Meeresgischt-Partikeln wesentlich durch die enthaltenen Polysaccharide beeinflusst wird. Modellsimulationen zeigten, dass die Eiskeimbildungsaktivität mariner Mehrfachzucker insbesondere im Temperaturbereich zwischen -20 und -15 °C in abgelegenen Ozeanregionen von Bedeutung ist, in denen der Beitrag terrestrischer Eiskeimpartikel minimal ist oder ganz fehlt. Eiskeimende Aerosolpartikel fördern die Eisbildung in Wolken und beeinflussen damit deren Strahlungseigenschaften und die Niederschlagsbildung. 

 

Obwohl die Bedeutung dieser Zucker aus dem Meerwasser in der Forschung inzwischen anerkannt ist, fehlt es bisher noch an Messungen, die die Verbreitung in den höheren Lagen der Atmosphäre tatsächlich belegen. Neben Schiffsmessungen auf Meereshöhe gab es bisher nur wenige Messungen auf Berggipfeln und vertikal-aufgelöste Messungen mit mobilen Plattformen fehlten bisher ganz. Dadurch blieb unklar, wie groß der Einfluss der marinen Zucker auf die Atmosphäre tatsächlich ist. Diese Lücke haben nun deutsche Polarforschende geschlossen: Im Herbst 2021 und Frühjahr 2022 nahmen sie Luftproben in Höhen von 300 bis 1000 Meter bei Ny-Ålesund auf Spitzbergen, der nördlichsten dauerhaft bewohnten Siedlung der Erde. Die Filterproben wurden später in den Laboren des TROPOS zusammen mit Proben aus dem Meereswasser und Oberflächenfilm des Ozeans des Kongsfjorden bei Ny-Ålesund analysiert. Die Kombination der Aerosolmessungen am Boden und in verschiedenen Höhen mit den Wasserproben aus dem Kongsfjorden hat uns erstmals ermöglicht, den Transport mariner Zucker vom Ozean in die Atmosphäre direkt nachzuvollziehen“, erläutert Dr. Manuela van Pinxteren vom TROPOS, die gemeinsam mit Dr. Sebastian Zeppenfeld die Aerosol- und Wassermessungen der Expedition verantwortete. Die Luftproben sammelte der Fesselballon BELUGA vom TROPOS. Im Juli 2020 war der 12 Meter lange und 90 Kubikmeter große Helium-Ballon bereits bei der MOSAiC-Expedition zu Einsatz gekommen, bei der der deutsche Forschungseisbrecher Polarstern des Alfred-Wegener-Instituts ein Jahr lang durch die zentrale Arktis driftete.

 

Darüber hinaus deuten aktuelle Labor- und Feldbeobachtungen darauf hin, dass es in der Atmosphäre zu einer molekularen Umwandlung oder einer zusätzlichen Bildung dieser Zucker kommt, die durch chemische and biologische Aktivitäten in der Atmosphäre ausgelöst wird. „Unter sehr feuchten Bedingungen, insbesondere bei Wolken mit Niederschlag, wurde konnten wir auch hier die Bildung dieser Zucker direkt in der Atmosphäre beobachten, die möglicherweise mit dem Stoffwechsel von Mikroorganismen in der Luft zusammenhängt. Das sind erste Hinweise, dass die Zucker in der Atmosphäre nicht nur aus dem Meer stammen, sondern auch durch biologische Prozesse in den Wolken selber entstehen könnten. Zusammen mit dem Nachweis ihres vertikalen Transports zeigt das, dass marine organische Stoffe eine deutlich dynamischere Rolle im Klimasystem der Arktis spielen als bisher angenommen. Die Atmosphäre ist also viel lebendiger als wir lange dachten“, schlussfolgert Dr. Sebastian Zeppenfeld vom TROPOS. 

Die Tatsache, dass diese Zucker in für die Wolkenbildung relevante Höhen transportiert werden, hat Auswirkungen auf die Wolkenmikrophysik. Und mit der Erwärmung der Arktis und dem Rückgang des Meereises wird die Bedeutung der Zucker aus dem Meer noch weiter steigen. Da es aus der Antarktis bisher noch keine vergleichbaren Messungen gibt, will das BELUGA-Team die Polarstern-Expeditionen 2028 im Rahmen von Antarctica-Insync nutzen, um auch Daten aus dem Südpolarmeer zu sammeln. Wolken und Wolkenwasser sind auch Teil der Begleitausstellung zum Panorama „Antarktis“ des Künstlers Yadegar Asisi im Leipziger Panometer, die TROPOS wissenschaftlich beraten und dafür ein Exponat beigesteuert hat. Am 19.09.2026 gibt es dazu dort eine Sonderführung „Zwischen Eis und Himmel – Das Geheimnis der antarktischen Wolken“. Tilo Arnhold

 

 

 

Publikation:

 

Zeppenfeld, S., Schaefer, J., Pilz, C., Ebell, K., Zeising, M., Stratmann, F., Siebert, H., Wehner, B., Wietz, M., Bracher, A., and van Pinxteren, M.: Marine carbohydrates and other sea spray aerosol constituents across altitudes in the lower troposphere of Ny-Ålesund, Svalbard, Atmos. Chem. Phys., 26, 7235–7260, DOI: 10.5194/acp-26-7235-2026, 2026. (Published 27 May 2026)
https://doi.org/10.5194/acp-26-7235-2026 
Die Forschungsarbeiten wurden gefördert aus Mitteln des Leibniz-Instituts für Troposphärenforschung (TROPOS) und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG, Projektnummer 268020496-TRR 172) im Rahmen des Transregio-Sonderforschungsbereichs ArctiC Amplification: Klimarelevante Atmosphären- und Oberflächenprozesse und Rückkopplungsmechanismen (AC)3 in den Teilprojekten A02, B04, C03 und E02.

 

 

 

Kontakte:

 

Dr. Sebastian Zeppenfeld
wissenschaftlicher Mitarbeiter, Abteilung Chemie der Atmosphäre, Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS), Leipzig 
Tel. +49-341-2717-7360
https://www.tropos.de/institut/ueber-uns/mitarbeitende/sebastian-zeppenfeld 

und
Dr. Manuela van Pinxteren
wissenschaftliche Mitarbeiterin, Abteilung Chemie der Atmosphäre, Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS), Leipzig 
Tel. +49-341-2717-7102
https://www.tropos.de/institut/ueber-uns/mitarbeitende/manuela-van-pinxteren

oder
Tilo Arnhold
Öffentlichkeitsarbeit, TROPOS
Tel. +49-341-2717-7189
http://www.tropos.de/aktuelles/pressemitteilungen/

 

 

Links: 

 

ANTARKTIS-Panorama im Panometer Leipzig: https://www.panometer.de/leipzig/antarktis

Führung „Zwischen Eis und Himmel – Das Geheimnis der antarktischen Wolken“ am 19.09.2026: https://www.panometer.de/leipzig/kalender?tx_panometer_events%5Baction%5D=event&tx_panometer_events%5Bcontroller%5D=Event&tx_panometer_events%5Bitem%5D=3848&cHash=a66a1e5796d8dff7e01537bc8ade5a61 

 

Leipziger Fesselballon auf Spitzbergen im Einsatz (Pressemitteilung, 04.10.2021): https://www.tropos.de/aktuelles/pressemitteilungen/details/leipziger-fesselballon-auf-spitzbergen-im-einsatz

 

Süße Entdeckung: Zucker aus dem salzigen Ozean sind für einen Großteil der Eiskeime in Wolken über den abgelegenen Weltmeeren der Südhalbkugel verantwortlich (Pressemitteilung, 15.07.2025): https://www.tropos.de/aktuelles/pressemitteilungen/details/suesse-entdeckung-zucker-aus-dem-salzigen-ozean-sind-fuer-einen-grossteil-der-eiskeime-in-wolken-ueber-den-abgelegenen-weltmeeren-der-suedhalbkugel-verantwortlich 

 

Wechselwirkungen zwischen Ozean und Atmosphäre: https://www.tropos.de/institut/abteilungen/chemie-der-atmosphaere/feldexperimente/chemische-charakterisierung-des-marinen-aerosols 

 

Antarktis-Expedition PI-ICE (Polar atmosphere-ice-ocean Interactions: Impact on Climate and Ecology): https://www.tropos.de/aktuelles/pressemitteilungen/details/leipziger-forschende-auf-spanischer-antarktis-expedition

Forschen in Polaren Regionen: AC3, MOSAiC, PI-ICE: https://www.tropos.de/institut/abteilungen/chemie-der-atmosphaere/feldexperimente/chemische-charakterisierung-des-marinen-aerosols/forschen-im-tropischen-atlantik-marparcloud-und-origamy

Forschen im tropischen Atlantik: MarParCloud und ORIGAMY: https://www.tropos.de/institut/abteilungen/chemie-der-atmosphaere/feldexperimente/chemische-charakterisierung-des-marinen-aerosols/forschen-in-polaren-regionen-ac3-mosaic-pi-ice

 

 

 

 

Das Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft, die 96 selbständige Forschungseinrichtungen verbindet. Ihre Ausrichtung reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Raum- und Sozialwissenschaften bis zu den Geisteswissenschaften. Leibniz-Institute widmen sich gesellschaftlich, ökonomisch und ökologisch relevanten Fragen.

Sie betreiben erkenntnis- und anwendungsorientierte Forschung, auch in den übergreifenden Leibniz-Forschungsverbünden, sind oder unterhalten wissenschaftliche Infrastrukturen und bieten forschungsbasierte Dienstleistungen an. Die Leibniz-Gemeinschaft setzt Schwerpunkte im Wissenstransfer, vor allem mit den Leibniz-Forschungsmuseen. Sie berät und informiert Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Öffentlichkeit. 

Leibniz-Einrichtungen pflegen enge Kooperationen mit den Hochschulen - u.a. in Form der Leibniz-WissenschaftsCampi, mit der Industrie und anderen Partnern im In- und Ausland. Sie unterliegen einem transparenten und unabhängigen Begutachtungsverfahren. Aufgrund ihrer gesamtstaatlichen Bedeutung fördern Bund und Länder die Institute der Leibniz-Gemeinschaft gemeinsam. Die Leibniz-Institute beschäftigen rund 21.300 Personen, darunter 12.200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. 

Das Finanzvolumen liegt bei 2,2 Milliarden Euro. Finanziert werden sie von Bund und Ländern gemeinsam. Die Grundfinanzierung des Leibniz-Instituts für Troposphärenforschung (TROPOS) wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und dem Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst (SMWK) getragen. Das Institut wird mitfinanziert aus Steuermitteln auf Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes.

http://www.leibniz-gemeinschaft.de

https://www.bmbf.de/ 

https://www.smwk.sachsen.de/ 

 

BELUGA kurz vor dem Start mit Blick auf den Kongsfjord und wolkenverhangenen Bergen. Foto: André Ehrlich, Universität Leipzig

Wichtig waren für die Untersuchungen auch Proben vom Oberflächenfilm, der als Filter zwischen Meereswasser und Atmosphäre fungiert. Dazu wird eine Glasplatte ins Wasser getaucht und bei Herausziehen bleibt der Oberflächenfilm daran haften. Anschließend wird die Probe von der Glasplatte in eine Flasche abgefüllt, eingefroren und später im Labor chemisch analysiert. Foto: Nina Maherndl, Universität Leipzig

Parallel zu den Untersuchungen des Wassers in den Wolken fanden auch Untersuchungen im Meer statt. Sebastian Zeppenfeld vom TROPOS nimmt dazu Wasserproben im Fjord. Foto: Christian Pilz, TROPOS

Der Fesselballon BELUGA während der Kampagne HALO-(AC)³ im März/April 2022 auf Spitzbergen in der Arktis. Foto: Sebastian Zeppenfeld, TROPOS